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„Was, du interessierst dich für Mode?“

Von Ninia LaGrande

Manchmal träume ich davon, in die Stadt zu gehen und ein komplettes Outfit zu kaufen. Von Kopf bis Fuß. In wenigen Stunden. Ohne zwischendurch total zu verzweifeln. Ich bin kleinwüchsig. Im Radar der Modeindustrie tauche ich als Zielgruppe nicht einmal ganz weit hinten am Horizont auf. Ich existiere gar nicht. Hosen sind immer zu lang, Blusen bekomme ich über der Brust nicht zu und die Ärmel ragen weit über meine Hände hinaus. Die gängigen Schnitte entsprechen nicht meinen Proportionen. Kinderkleidung kommt auch nicht infrage, weil ich einen anderen Körperbau als eine Zwölfjährige habe. Und Schuhe … reden wir nicht von Schuhen. Als Onlineshopping noch eine unvorstellbare Utopie war, bestellte ich Sneaker bei einem Bekannten meiner Eltern, der in den USA lebte. Dort wurden damals schon Modelle in kleinen Größen produziert. Hier konnte ich in den 1990er-Jahren zwischen Glitzerturnschuh mit Blinkesohle und Gummistiefel wählen. Von Pumps oder Stiefeln gar nicht zu sprechen. Untergrößen gab es zwar damals schon – aber wie heute mit geringer Auswahl und für sehr viel Geld.

Das Label „Auf Augenhöhe“ entwickelt Schnitte für kleinwüchsige Menschen © Joseph Wolfgang Ohlert

So wie mir geht es zahlreichen anderen Menschen mit Behinderung. Sie werden nicht mitgedacht und nicht repräsentiert. Als wäre es unvorstellbar, dass sich auch Menschen mit Behinderung modisch, individuell oder extravagant kleiden wollen. Oder dass sie sich überhaupt etwas anziehen möchten. „Wie kommt es, dass du dich so für Mode interessierst? Das muss für dich doch besonders schwer sein“, werde ich oft gefragt. Nun, es ist nicht besonders schwer, sich mit 1,38 Meter Körpergröße für Mode zu interessieren. Es erfordert nur sehr viel Kreativität, aus dem, was der Markt hergibt, etwas zu machen.

Dass die Modeindustrie nicht gerade das große Vorbild in Sachen Inklusion und Diversität ist, ist bekannt. Aber nicht nur bei der Produktion sind die Hersteller*innen besonders

engstirnig und eintönig, sondern auch im Marketing. Die große, schlanke, weiße Frau mit glatten Haaren und makelloser Haut ist das Gesicht der Industrie. Auf der anderen Seite der große, weiße, muskulöse Mann, ein sportlicher Archetyp.

Besonders perfide zeigte sich das am Beispiel der brasilianischen Ausgabe der „Vogue“: Im Rahmen der Paralympics 2016 veröffentlichte die Redaktion das Bild zweier vermeintlicher Sportler*innen in Badekleidung, beide mit fehlenden Gliedmaßen bzw. mit Prothese. Dazu schrieben sie: „Wir sind alle Paralympics-Teilnehmer.“ Das Problem: Die Fotos wurden bearbeitet, die Models hatten gar keine Behinderung. Per Photoshop wurden ihnen ein Arm und ein Bein entfernt, damit sie an zwei tatsächliche Paralympics-Teilnehmer*innen erinnern würden. Die Sportler*innen Renate Leite und Bruna Alexandre waren sogar im Fotostudio – aber nicht vor der Kamera. Sie machten am Ende ein gemeinsames Selfie mit den Models. Das nicht auf dem „Vogue“-Account veröffentlicht wurde. Es folgte die lauwarme Ausrede, das Shooting hätte sich nicht die Redaktion, sondern eine PR-Agentur ausgedacht. Warum es nicht möglich war, Sportler*innen mit Behinderung zu engagieren, um sich für die Paralympics starkzumachen, konnte die „Vogue“ bis heute nicht erklären. Wenn also selbst im Rahmen einer internationalen Veranstaltung mit Menschen mit Behinderung als Protagonist*innen nicht die Notwendigkeit gesehen wird, diese auch selbst abzubilden, wird klar, wie niedrig das gesellschaftliche Bewusstsein für das Thema ist.

Mal wieder Vorreiterin: Beyoncé. 2016 engagierte sie das Model Jillian Mercado für ihren Onlineshop. Mercado bloggt auf „manufactured1987.com“, hat knapp 78.000 Follower auf Instagram – und sie nutzt einen Rollstuhl. Gemeinsam mit anderen Models präsentierte sie die neue Fankollektion von Beyoncé. Unkommentiert und selbstverständlich. Als ich sie sah, stellte ich mir vor, wie ich als Teenie reagiert hätte, hätte ich eine kleinwüchsige Frau in der Merchandising-Kampagne einer meiner Lieblingssänger*innen gesehen. Oder auf Plakaten eines großen Modehauses. Vermutlich hätte ich vor Ungläubigkeit geweint.

Role Models sind wichtig. Und in einer Branche, die so allgegenwärtig in unserem Alltag ist, umso mehr. Eine Vorbildfunktion übernahm etwa das dänische Topmodel Nina Marker, als sie im vergangenen Jahr auf Instagram  erklärte, sie sei Autistin: „Wir können erfolgreich sein und eine gute Zeit haben.“ Marker, die schon für große Modehäuser wie Fendi und Versace auf dem Laufsteg war, spricht öffentlich darüber, wie bei ihr nach Fehldiagnosen das Asperger-Syndrom festgestellt wurde, zeigt gleichzeitig Einblicke in ihr Privat- und Berufsleben und erreicht damit große Aufmerksamkeit.

Ein weiteres empowerndes Beispiel kommt aus Australien. Madeline Stuart ist gefragtes Model, Tänzerin und Geschäftsfrau. Sie hat Trisomie 21 und wird von vielen Designer*innen gebucht – etwa für die New York Fashion Week. Sie erfüllt dabei nicht die Rolle des Aufmerksamkeitsmagneten, sondern läuft gleichberechtigt neben den anderen Models. Das ist immer noch etwas Besonderes, wenn man an Beispiele in Deutschland denkt, bei denen Inklusion – auch auf den Modellaufstegen – häufig so gedeutet wird, dass auch mal Menschen mit Behinderung auftreten „dürfen“,  dann aber doch immer unter sich bleiben müssen. Oder eben dass sie allein für den Zweck der Provokation und Aufmerksamkeit inszeniert werden.

Dass Mode Ausdruck von Identität, Identifikation und Gefühl ist, zeigt die Queer-Dapper-Crip-Szene. Sie lehnt sich gegen das herrschende Bild von heteronormativer, weißer Männlichkeit auf. Trans Männer und Queers mit Behinderung inszenieren ihren Stil mit allen Spielarten, die Kleidung ihnen bietet. Sie nehmen sich Raum und Aufmerksamkeit. Sich selbstverständlich so zu kleiden, wie sie wollen, gibt ihnen Selbstbewusstsein und Freiheit. Die Grenzen der eindimensionalen Modebranche werden hier gleich auf mehrere Arten durchbrochen, die Behinderung wird stilistisch in das gesamte Erscheinungsbild integriert.

Inklusion heißt aber nicht nur Stil für alle, sondern auch Erreichbarkeit für alle. Als ich einmal in New York shoppen ging, fielen mir als Erstes die gut erreichbaren, geräumigen Fahrstühle in den großen Kaufhäusern auf. Auf jeder Etage war mindestens eine der Umkleidekabinen für Rollstuhlnutzer*innen vorgesehen. Auf allen Hinweisschildern stand auch in Brailleschrift, was wo zu finden ist. Für die Läden in deutschen Innenstädten scheinen Menschen mit Behinderung nicht zu existieren: Schmale Zugänge ohne Rampen, schwere Türen und viel zu kleine Kabinen prägen hier leider immer noch das Bild.

Abgesehen von den Zugangsmöglichkeiten gibt es in den Kaufhäusern auch wenig Angebote für die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Rollstuhlnutzer*innen können in den Hosen von Fußgänger*innen im Zweifel nicht bequem sitzen. Kleinwüchsige Menschen können nicht einfach in der Kinderabteilung einkaufen – es gibt viele verschiedene Formen des Kleinwuchses und damit unterschiedliche Anforderungen an die Kleidung.

Autorin Marlies Hübner schreibt auf ihrem Blog „robotinabox.de“ über „Mode als autistische Herausforderung“. Viele Autist*innen könnten aufgrund ihrer taktilen Überempfindlichkeit bereits sehr leichte Berührungsreize wie das Tragen von Kleidung als unangenehm empfinden. „Eingenähte Wäscheetiketten, harte Nähte oder ein Rollkragen können ein ernsthaftes Problem darstellen. Da es uns schwerfällt, einzelne Reize auszublenden, kann die falsche Kleidung die Lebensqualität und das Wohlbefinden beeinträchtigen.“

Im Netz finden viele das Angebot, das ihnen in den Läden fehlt. Auf „hemdless.de“ etwa gibt es für Menschen mit Trisomie 21 spezielle Hemden, die am Kragen weiter und an den Armen kürzer geschnitten sind. „Auf Augenhöhe“ heißt das Label von Sema Gedik, die standardisierte Konfektionsgrößen und passende Schnitte für kleinwüchsige Menschen entwickelt. 2018 hat sie ihre Kollektion auf der Fashion Week in Berlin gezeigt und bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Das komplette Gegenteil von Gediks zeitlosem und schlichtem Design bietet das Label Rebirth Garments:  expressionistische, bunte Kleidung – gender non-conforming und tragbar für viele Menschen. Rebirth Garments zeigt besonders gut, dass Design immer und unbedingt für alle tragbar sein muss. Und: dass eine Behinderung kein Hindernis für einen eigenen Stil ist. Eine Selbstverständlichkeit, die vor allem die großen Designer*innen der Branche noch lernen müssen.

Mode ist Identität. Mode ist Ausdruck. Mode ist Spiel. Für mich ist Mode das Werkzeug, meine Laune nach außen zu tragen. Mich zu zeigen oder zu verstecken. Lange Zeit wollte ich vor allem so aussehen wie alle anderen. Als Teenie die Marken und Schnitte tragen, die auch die anderen in der Schule anzogen. Das war nicht möglich. Also entwickelte ich meinen eigenen Stil – der im Nachhinein gesehen natürlich sehr viele Fehltritte zu verzeichnen hatte. Aber mich auch zu dem gemacht hat, was ich heute bin, in allen Facetten. Zum Glück hatte ich die Mittel und das Selbstbewusstsein, diesen Plan durchzuziehen. Das haben nicht alle.

Die Angebote im Netz sind zwar da, aber sie besetzen immer noch sehr kleine Sparten. Inklusion in der Modewelt ist erst erreicht, wenn alle Menschen problemlos shoppen gehen können – ohne Barrieren und mit dem passenden Angebot. Und wenn es für die Gesellschaft nichts Außergewöhnliches mehr ist, dass Menschen mit Behinderung und alle anderen sich für Mode interessieren und ihren eigenen Stil ausleben. Mode und Design für alle kann nur funktionieren, wenn die Firmen Diversität abbilden – nicht als Besonderheit, sondern als Selbstverständlichkeit.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Reposted fromfeminism feminism viaYarrick Yarrick

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